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Bildung oben, Infrastruktur unten

  • vor 20 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Was ich von drei Tagen LEARNTEC mit nach Hause nehme


Ein Rückblick von Nicolai Stern, Stern Didactic



Die Heimfahrt von Karlsruhe nach Mannheim ist kurz. Eine knappe Stunde im Zug, durch die badische Rheinebene. Genug Zeit, um drei Tage Messe sortieren zu lassen, und gerade kurz genug, um nicht zu viel hineinzudenken. Auf dem Smartphone läuft irgendwann, halb aus Trotz, halb aus Heimkehrgefühl, das Badnerlied auf Spotify. Das Klischee nehme ich gerne mit.


Hinter mir liegt die LEARNTEC, Halle 1, Stand E28. Vor mir liegt die Werkstatt, eine umgebaute Scheune, in der ich die nächsten Monate weiterbauen werde, woran ich glaube. Dazwischen, im Großraumwagen, sortiere ich.

Was ich mitnehme, sind keine Visitenkartenstapel. Es sind Beobachtungen, die sich in den drei Tagen verdichtet haben. Sechs davon will ich in diesem Beitrag aufschreiben, weil sie sich für mich zu einer These zusammenziehen, die größer ist als jeder einzelne Punkt.


1. Greifen wird Begreifen


Wenn jemand an unseren Stand kam und den kleinen 3D-gedruckten Mecanum-Rover zum ersten Mal in die Hand nahm, passierte fast immer dasselbe. Das Ding wurde nicht erklärt, es wurde erfühlt. In der Hand gewogen, gedreht, langsam von einer Seite zur anderen bewegt. Eine kleine Maschine, die in eine Handfläche passt, mit Rädern, einem Gehäuse, Sensoren. Etwas, das man verstehen will, weil es da ist und weil es offensichtlich gemacht wurde.

Und genau das ist der Punkt. Greifen wird Begreifen. Nicht als Wortspiel, sondern als wörtlicher Vorgang. Die Hand fasst etwas an, der Kopf folgt. Die Geste vorne, das Verstehen hinterher. Diese Reihenfolge ist uralt, jedes Kleinkind erlebt sie tausendfach, jeder Handwerker arbeitet damit, jeder gute Lehrer kennt sie. Und sie ist auf einer Bildungsmesse für digitales Lernen weitgehend abwesend.

Was danach kam, war unterschiedlich. Manche dachten an den Werkstattunterricht in einer Berufsschule. Andere an einen MINT-Wahlpflichtkurs. Wieder andere an den Tag der offenen Tür. Was gleich blieb, war der Moment vorher. Das Wiegen, das Drehen, das Begreifen mit den Händen.

Genau dieser Moment fehlt in den meisten Lernkonzepten, die auf der Messe ausgestellt waren. Plattformen, die unbestreitbar beeindruckend sind, ersetzen ihn nicht. Sie können ihn höchstens vorbereiten oder begleiten. Aber den Moment, in dem ein junger Mensch etwas in der Hand hält und dadurch versteht, gibt nur die Sache selbst.


2. Die Zahl, die nicht stimmt


In Deutschland blieben 2025 rund 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt. Gleichzeitig waren zum gleichen Stichtag 84.400 junge Menschen weiterhin auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle. Das ist die zweithöchste Zahl seit 2009. Beide Werte stehen im aktuellen Bericht des Bundesinstituts für Berufsbildung.

Die naheliegende Reaktion ist, beide Zahlen voneinander abzuziehen und festzustellen, dass es rein rechnerisch genug Plätze gäbe. Die ehrlichere Reaktion ist, anzuerkennen, dass Statistik und Lebenswirklichkeit hier zwei verschiedene Sprachen sprechen. Die offenen Stellen liegen in anderen Branchen, anderen Regionen, anderen Berufsbildern als die unversorgten Bewerber sie suchen. Das BIBB nennt das Passungsproblem. Es ist die zentrale berufsbildungspolitische Herausforderung dieser Jahre.

Während ich das schreibe, denke ich gleichzeitig an die andere Schlagzeile, die aktuell jeden Tag durchs Land geht. Fachkräftemangel. KI-Souveränität. Industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Drei Begriffe, mit denen wir uns selbst beruhigen, dass wir das Problem schon erkannt haben. Aber keiner dieser Begriffe löst sich, solange ein Schüler die Schule verlässt, ohne je etwas selbst gebaut zu haben. Solange er den Moment nicht erlebt hat, in dem aus einer Idee am Bildschirm etwas wird, das er in der Hand hält.

Und solange dieser Moment fehlt, fehlt auch der Stolz, der Lust auf Technik macht. Stolz ist kein Beiwerk in der Berufsorientierung. Stolz ist der Treibstoff, der den nächsten Ausbildungsplatz besetzt.



3. Hardware und Software und KI gehören zusammen


In den anderen Hallen der LEARNTEC liefen Keynotes über die Zukunft des Lernens. KI-Avatare, generatives Tutoring, immersive XR-Reisen. Vieles davon ist sinnvoll. Manches davon wird sich durchsetzen. Anderes wird in zwei Jahren wieder verschwunden sein, weil es eine Antwort auf eine Frage war, die niemand so gestellt hat.

Was mich gleichzeitig beschäftigt, ist eine andere Bewegung, die in den Hallen weniger laut war, aber in den Gesprächen umso präsenter. Es ist die Frage, wie aus einer Generation, die mit ChatGPT aufwächst, eine Generation wird, die KI nicht nur konsumiert, sondern in echte Wertschöpfung übersetzt. Die das, was in den deutschen Unternehmen schon steht, an Maschinen, an Prozessen, an Erfahrung, hemmungslos mit modernen Werkzeugen verknüpft.

Hardware. Software. KI. Erst die drei zusammen geben Deutschland eine Chance im weltweiten Wettbewerb. Das war historisch immer unsere Stärke. Mittelständische Unternehmen, die etwas bauen, was die Welt nicht in dieser Qualität bekommt, weil daran zwanzig Jahre Erfahrung steckt. Diese Stärke verkümmert, wenn die nächste Generation nur noch Software kennt und Hardware für etwas hält, das in Asien produziert wird.

Design & Make ist mein kleiner Beitrag, das umzudrehen. Ein Schüler zeichnet in Autodesk Fusion ein Bauteil. Druckt es auf einem 3D-Drucker, der in der Schule ohnehin steht. Baut es zusammen mit einem kleinen Microcontroller, ein paar Mecanum-Rädern und einer Kamera. Programmiert die Steuerung, vielleicht mit Hilfe eines KI-Assistenten, der ihm den ersten Code-Entwurf macht. Und dann fährt das Ding. Im Klassenraum. Vor seinen Augen. Vier Räder, vier Richtungen gleichzeitig.

Klein genug für den Klassenraum. Groß genug für richtigen Stolz.


4. Die zwei Lager


Eine Beobachtung, die mich seit der Heimfahrt nicht loslässt: Es gab auf der Messe zwei Lager, und sie waren räumlich oft nur einen Gang voneinander entfernt, aber in ihrer Logik trennen sie Welten.

Das eine Lager sind die geschlossenen Plattformen. Sie liefern fertige Lernpfade, alles aus einer Hand, integriert, abgestimmt, mit Zertifikat am Ende. Sie sind sauber. Sie sind verkäuflich, weil eine Schulleitung oder ein Bildungsträger genau weiß, was sie bekommt. Und sie sind, wenn ich ehrlich bin, oft der pragmatische Weg, weil Schulen weder Zeit noch Personal haben, etwas Eigenes zu bauen.

Das andere Lager sind die offenen Plattformen. Sie liefern Werkzeuge, Schnittstellen, Inhalte von Drittanbietern, eine Community. Sie verlangen mehr Eigeninitiative von der Schule. Sie sind dafür beweglicher, vielfältiger, näher an dem, was die jeweilige Schule wirklich braucht.

Ich glaube, dass die offenen Plattformen das Rennen machen werden. Nicht weil sie besser verkauft sind, sondern weil sie strukturell näher an dem dran sind, was Bildung eigentlich ist. Bildung ist kein abgeschlossenes Produkt. Bildung ist ein Prozess, in dem Lehrer, Schüler, Inhalte und Werkzeuge ständig neu zueinander finden müssen.

Geschlossene Systeme können das simulieren. Aber sie kommen mit sehr hohem Aufwand an die Kreativität ran, die in einem einzigen Design & Make Projekt steckt, in dem ein Schüler aus Fusion, einem 3D-Drucker und ein paar Sensoren etwas Eigenes baut, das es so vorher nicht gab. Die Kreativität entsteht nicht im Lernpfad, sondern in der Reibung zwischen Werkzeug und Aufgabe.

Daraus folgt eine Frage, die mich seit der Rückfahrt umtreibt: Wer wird das Spotify der Bildung in Europa? Spotify ist keine Plattenfirma. Spotify produziert keine Musik. Spotify hat ein offenes Modell gebaut, in dem Künstler, Labels, Hörer und Werkzeuge zueinander finden, und dann die Logistik darum herum perfektioniert. Auf Bildung übertragen heißt das: Wer baut die Plattform, die nicht selbst Inhalte produziert, sondern Lehrern, Ausbildern, Bildungsträgern und kleinen Anbietern wie uns ermöglicht, ihre Arbeit zueinander zu bringen?

Diese Plattform existiert in Europa noch nicht. Sie könnte aus Deutschland kommen. Sie wird aber nicht aus einem geschlossenen System kommen.


5. Die unsichtbare Voraussetzung


Eine kleine, fast komische Beobachtung am Rand: Das WLAN auf der Messe war über drei Tage hinweg eine Geduldsprobe. Eine Bildungsmesse, auf der digitale Lernlösungen vorgestellt werden, hat Schwierigkeiten, eine stabile Verbindung in die eigene Halle zu bekommen. Das ist auf den ersten Blick eine Anekdote.


Auf den zweiten Blick ist es genau der Punkt. Wir reden auf Konferenzen über digitale Bildung, über KI in der Schule, über immersives Lernen. Was wir oft nicht mitdenken, ist die Voraussetzung, ohne die das alles nicht funktioniert. Die Glasfaser bis in jedes Klassenzimmer. Die stabile Anbindung jeder Werkstatt, jeder Berufsschule, jeder Bildungseinrichtung in der Fläche. Ohne diese Grundlage ist jede schöne Plattform auf jeder Messepräsentation nur ein Versprechen.


Glasfaser kommt nicht aus der Cloud. Glasfaser kommt aus dem Boden. Sie wird gegraben, gepresst, geblasen, eingezogen. Und das ist genau der Punkt, an dem meine zweite Firma anknüpft. Bei Stern Technic bauen wir mit BUDDEL und BOB Robotik für den Tiefbau. Maschinen, die unterirdische Leitungen verlegen, ohne dass jede Straße aufgerissen werden muss. Maschinen, die kleinen Tiefbauunternehmen ermöglichen, schneller, präziser und kostengünstiger zu arbeiten als heute.


Das ist auf den ersten Blick weit weg von Bildung. Auf den zweiten Blick ist es dieselbe Frage. Die digitale Souveränität, von der wir reden, hat eine physische Grundlage. Diese Grundlage muss gebaut werden. Wer das nicht löst, dem helfen die schönsten Apps und Plattformen nichts.


Bildung oben, Infrastruktur unten. Beides muss gleichzeitig passieren. Beides liegt mir am Herzen, jedes auf seine Weise.


6. Mit Herz und Verstand

Ich bin in den letzten zehn Jahren mit vielen Bildungsbegriffen konfrontiert worden. Kompetenzorientierung. Lernergebnisorientierung. Outcome-based Education. Es waren immer Begriffe, die versucht haben, Lernen messbar zu machen. Und ich verstehe, warum. Eine Schule muss bewerten können. Ein Ausbilder muss dokumentieren können. Eine Bildungspolitik muss Wirkung nachweisen können.


Aber ich habe in den drei Tagen Messe wieder gemerkt, dass etwas verloren geht, wenn Bildung ausschließlich über Output gedacht wird. Etwas, das auf jedem Stand mitschwang, wenn jemand den Rover in die Hand nahm und kurz lächelte, bevor er sachlich wurde. Etwas, das man nur als Begeisterung beschreiben kann.


Gute Bildung braucht beides. Verstand, um zu verstehen, wie es funktioniert. Und Herz, um zu spüren, warum es sich lohnt. Das eine ohne das andere reicht nicht.


Die Verstand-Hälfte beherrschen wir in Deutschland gut. Wir haben kluge Lehrpläne, gute Berufsschulen, ein duales System, um das uns andere Länder beneiden. Was wir oft vernachlässigen, ist die andere Hälfte. Den Stolz, wenn etwas gelingt. Die Begeisterung, wenn ein Bauteil zum ersten Mal funktioniert. Die Erfahrung, dass Technik nicht nur etwas ist, das man konsumiert oder von dem man lebt, sondern etwas, das man selbst gestalten kann.

Genau deswegen gibt es Stern Didactic. Genau deswegen war ich auf der LEARNTEC. Und genau deswegen werde ich nächstes Jahr wiederkommen.


Was bleibt

Wenig Laufkundschaft, viele inhaltlich starke Gespräche, eine Handvoll konkreter Anschlüsse für die nächsten Wochen. Auf einer Excel-Tabelle sieht das nüchtern aus.

Mich stört das wenig. Ich denke nicht in Quartalen, ich denke in Jahrzehnten. Stern Didactic und Stern Technic sind beide so angelegt, dass sie mehrere Wirtschaftszyklen überdauern sollen. Familienunternehmen, Mittelstand, langer Atem. Das ist keine Romantik, das ist eine bewusste Entscheidung gegen das Quartalsdenken, das uns als Land an vielen Stellen mehr schadet als nutzt.

In Jahrzehnten gerechnet ist jedes gute Gespräch mit einer Lehrkraft, die ihren 3D-Drucker endlich sinnvoll einsetzen will, eine Investition. Jeder Rover, der in die aufmerksamen Hände eines Ausbilders gelangt und von dort in einen Klassenraum, ist eine Investition. Jedes Leuchten in den Augen eines jungen Menschen, der zum ersten Mal etwas selbst gebaut hat, ist eine Investition.


Mit Herz und Verstand. Daran glaube ich.



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